Gemeinschaft. Vom Vereinswesen bis hin zur Familie.

Es gibt da diesen alten Witz: „Wenn sich drei Deutsche treffen – gründen sie erstmal einen Verein.“ Die Pointe ist natürlich reichlich übertrieben. Aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen: Immerhin existieren mittlerweile mehr als 600.000 Vereine bei uns, übrigens fast 200.000 mehr als noch vor 30 Jahren.1 Um sie und andere Gemeinschaften geht es heute im zweiten Teil unserer sechsteiligen Serie zum VBL-Geschäftsbericht „Gemeinschaft“.

Allein mehr als 28 Millionen Menschen betreiben in Vereinen Sport.2 Und mit Bayern München hat Deutschland den nach Mitgliedern zweitgrößten Sportverein der Welt!3 Aber warum sind wir eigentlich ein solches Vereinsland?

Zunächst unterscheiden sich die Gemeinschaftsstrukturen bei uns stark von jenen in anderen Ländern: Während woanders häufig informelle Gemeinschaften dominieren, ist in Deutschland das Vereinswesen seit mehr als 150 Jahren fest in der Gesellschaft verankert. Das liegt einerseits an Kultur und Mentalität, andererseits am deutschen Vereinsrecht: Das fördert nicht nur deren Gründung, sondern auch den Betrieb, etwa durch steuerliche Vergünstigungen oder staatliche Zuschüsse.

 

Doch Gemeinschaft spiegelt sich in Deutschland nicht nur im Vereinsleben wider. Da ist zum einen die immer bunter werdende Landschaft des politischen und gesellschaftlichen Engagements. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verschoben: Zum einen laufen Nicht-Regierungsorganisationen und thematische Bewegungen wie „Fridays for Future“ den Parteien in Sachen Unterstützenden den Rang ab.4 Aber auch bei den Parteien selbst verändern sich die Kräfteverhältnisse:

Während die ehemaligen „Volksparteien“ Anfang der 1990er-Jahre den anderen hinsichtlich der Mitglieder mit fast 950.000 (SPD) und rund 790.000 (CDU) weit voraus waren, sind sie mittlerweile beide unter 400.000 Mitglieder gefallen.5 Kleinere und neue Parteien freuen sich seit zehn, zwanzig Jahren über stetigen Zulauf. Oder das politische Engagement findet abseits der Parteiarbeit statt. So engagieren sich rund 30 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich6 – und finden auch hier Gemeinschaft.

Wie überall auf der Welt sind jedoch auch in Deutschland für die meisten Menschen immer noch die Familien die wichtigsten Gemeinschaften, auch wenn sich hier in den vergangenen 100 Jahren ebenfalls eine Menge getan hat: Früher war es die Regel, dass mehrere Generationen unter einem Dach wohnten.

Diese Mehrgenerationenhaushalte boten nicht nur emotionale, sondern auch wirtschaftliche Unterstützung – man denke etwa an die traditionellen Bauernhöfe im Schwarzwald, wo Großeltern, Eltern und Kinder zusammen lebten und arbeiteten. Heute sind Familien vielfältiger geworden: Neben der traditionellen Kernfamilie gibt es Patchwork-Familien, Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Moderne Kommunikation ermöglicht es uns außerdem, auch über große Distanzen hinweg engen Kontakt zu halten.

Gleichzeitig gibt es in Deutschland einen Trend zurück zu mehr familiärem Zusammenhalt. Die Studie „Familien in der Corona-Zeit: Herausforderungen, Erfahrungen und Bedarfe“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) zeigte, dass die Menschen während der Pandemie neue Wege gesucht und gefunden haben, um sich gegenseitig zu unterstützen. Und zwar sowohl innerhalb der eigenen Verwandtschaft als auch darüber hinaus, etwa in der unmittelbaren Umgebung.7

Auf diese Weise sind auch die nachbarschaftlichen Netzwerke in der Pandemie wieder gestärkt worden. Gleichzeitig bedauern viele den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt in den vergangenen Jahren. Dabei haben gerade die Krisen vergangener Jahre gezeigt: Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Zusammenhalt ist groß in der Familie, im Ehrenamt oder im Beruf.

 

Download: VBL-Geschäftsbericht 2024, PDF, 5 MB

 

Quellen:

1 ZiviZ (Zivilgesellschaft in Zahlen), 2022: Vereine in Deutschland im Jahr 2022, S. 1 ; https://www.ziviz.de/sites/ziv/files/vereine_in_deutschland_2022.pdf
2 Bestandserhebung DOSB, 2024, S. 1; https://cdn.dosb.de/user_upload/www.dosb.de/Medien_Service/BE/DOSB-Bestandserhebung_2024.pdf
3 382.000 Mitglieder (Stand Dezember 2024) laut https://fcbayern.com/de/fans/mitgliedschaft
4 Bundeszentrale für politische Bildung, 2022; https://www.bpb.de/themen/parteien/parteien-in-deutschland/zahlen-und-fakten/138672/mitgliederentwicklung-derparteien/
5 ebd
6 5. Deutscher Freiwilligensurvey 2019, S. 4; https://www.bmfsfj.de/resource/blob/176836/7dffa0b4816c6c652fec8b9eff5450b6/freiwilliges-engagement-in-deutschland-fuenfter-freiwilligensurvey-data.pdf
7 https://www.bmfsfj.de/resource/blob/163136/fdc725b0379db830cf93e0ff- 2c5e51b5/familien-in-der-corona-zeit-allensbach-data.pdf